Endlich wieder tanzen!

Wir werden nicht vor Leuten ducken,
Die auf Vernunft nur spucken,
Händler mit der Angst im Überfluss,
Unanständig bis zum Überdruss
Wir kennen die Distanz, die sein muss.

Wir wollen endlich wieder tanzen.
Uns umarmen, frei Gedanken pflegen,
Auf einem Teppich von Akkorden leben
Oh, nein, nein, nein, nein, nein.
Wir wollen endlich wieder tanzen,
Uns umarmen, frei Gedanken pflegen,
Auf einem Teppich von Akkorden  leben

Frei wie die Vögel weiterziehen
Nie wirklich weise, nie sich fügen
An keinen Treueschwur gebunden
Nicht schweigen in den Morgenstunden
Zum Reden haben wir uns eingefunden

Wenn abends übern Fersehapparat
Der gute König zu uns sprach,
Das Urteil uns verkündet hat,
Respektieren wir‘s auf keinen Fall
Doch mit Eleganz auf jeden Fall.

Wir wollen endlich wieder tanzen.
Uns umarmen, frei Gedanken pflegen,
Auf einem Teppich von Akkorden leben
Oh, nein, nein, nein, nein, nein.
Wir wollen endlich wieder  tanzen,
Uns umarmen, frei Gedanken pflegen,
Auf einem Teppich von Akkorden leben

Im Bus, der Metro und im Supermarkt,
Selbstbescheinigt man nur dorthin darf
Jeden Blödsinn gibt’s nur auf Rezept.
Aber wehe dem, der selber denkt.
Wehe dem, der aus der Reihe tanzt

Diese starre Obrigkeit,
Dieser Hang zur Sicherheit,
Vertrauen kann man ihr nicht schenken
Wo sie doch nur daran denken
Unsere Freiheit einzuschränken

Wir werden nicht vor Leuten ducken,
Die auf Vernunft nur spucken,
Händler mit der Angst im Überfluss,
Unanständig bis zum Überdruss
Wir kennen die Distanz, die sein muss

Die unsrer Gesundheit wirklich nützt,
unsre Psyche, Umwelt und Soziales schützt
Unser Lächeln und die Intelligenz,
Ohne Widerstand, und Präsenz
Werden wir nur Instrumente der Demenz

Wir wollen endlich wieder weiter tanzen.
Uns umarmen, frei Gedanken pflegen,
Auf einem Teppich von Akkorden leben
Oh, nein, nein, nein, nein, nein.
Wir wollen endlich wieder weiter tanzen,
Uns umarmen, frei Gedanken pflegen,
Auf einem Teppich von Akkorden leben.

Nach dem Text von HK et les Saltimbanks 21/12  –  Comp. Calogero 2015 – Danser Encore


Link zum offiziellen Youtube-Video

Angst

Die Angst geht um…

Die Angst geht um.
Die Furcht vorm Tod.
Ungreifbar nur,
Das wird zur Not.
Weil da Menschen sterben
Am Virus, den doch wir vererben
Sein krankes Werk zu tun.

Keiner kann ihm wirklich hindern.
Er sucht sich seinen Ort.
Kann er einen Menschen finden,
Ist er auch schon dort.

Die Angst frisst auf
Verstand und Seele.
Unfassbar nun,
Schnürt zu die Kehle.
Kontakte soll’n wir meiden
Machen uns zu Feinden.
Ob das die Angst bezwingt?

Keiner kann sie wirklich hindern
Sie sucht sich ihren Ort
Kann sie einen Menschen finden
Ist sie auch schon dort.

Die Krise ist.
Wird deklamiert.
Begreifbar nun,
Die Angst regiert!.
Pflicht ist Folge leisten,
Sollen nicht mehr selber meinen
Die Regeln stehen fest!

Keiner kann es wirklich hindern.
Es sucht sich seinen Ort.
Kann es einen Menschen finden
Ist es auch schon dort.

Ist Mut besiegt
Die Liebe weg
Und handeln nur
Wie’s festgelegt
Schlagen angstgebunden
Selber uns die Wunden
Und fragen, wer sie pflegt.

Nur wir selber können’s hindern
Dass es sucht sich seinen Ort
Respektvoll zueinanderfinden
Das wär doch mal ein Wort.

Siegbert Schwab 2021/03

Schule schafft

„Des Morgens hat er recht und mittags frei…“
Weiß der Volksmund – denkt sich nichts dabei.
Wenn‘s um Schule und die Lehrer geht;
Redet jeder mit und fühlt sich kompetent
Weil er diese Anstalt auch von innen kennt.
Und seine Vorurteile mit sich trägt.
Von halbverdautem Wissen angeregt.

Dem Staat die Schulen kosten doch nur Geld
Auch Lehrer werden dafür eingestellt.
Für die Bildung sollen sie nicht ruhn
Ist doch deren Profession, ihr Job
So wissen‘s alle – aber nur ganz grob
Für uns‘re Kinder sollen sie was tun.
Und sollen nachmittags bestimmt nicht ruhn

Jedoch, dass Wissen meist nicht reicht
Das vergessen viele nach der Schule leicht
Gelernt ist, wenn man‘s wirklich kann.
Wer nur halbes Wissen mit herum sich trägt
Und seine Vorurteile weiter pflegt
Der bringt die Bildung sicher nicht voran
Weil man weiß, dass er nichts richtig kann.

Geht es nur darum, dass er das Abi schafft
Dann hat er’s wirklich nicht gerafft.
Dass aus seinem Wissen Können wird
Dafür braucht er Übung, dazu auch die Zeit
und die Lehrkraft, stets für ihn bereit
Ihn durch die Bildungsklippen manövriert
Und wir dann hoffen, dass aus ihm was wird.

Die Bildung bleibt oft nur als Etikett
Man klebt sich’s obendrauf und findet’s nett.
Behandelt Lehrer so, als wär’n sie hohl
Verstünden nichts von ihrm Geschäft
Und machen’s keinem wirklich immer recht.
Wenn jeder sorgt sich nur ums eigne Wohl
So bleibt es in den Köpfen wirklich hohl.

Ehrlich sollte man sich zugestehn
Mit dieser Haltung kann es so nicht weiter gehn
Schafft die Lehrer endlich wieder ab
Bildet eure Kinder selber aus
Für Bildung gäb der Staat dann nichts mehr aus
Viel Geld und Ärger würde uns erspart
Wir brauchen keinen Bildungsstaat.

Dann könnte man doch schön in Blankenese bleiben
Dort der höchren Schichten Ideal verteidgen
Jeder bleibt am angestammten Platz
Könnt’s Kommando in der Wirtschaft führn.
Anstatt als Bildungskapitän sich aufzuführen
Dann macht und lernt auch jeder, was er rafft
Der Zwang der Schule endlich abgeschafft.

Der Sprücheklopfer 21/3





Der Frühling und sein Duft

Draußen schon die Knospen sprießen.
Drinnen sitzen magst du nicht.
Raus in‘ Wald und auf die Wiesen
Die Natur dort zu genießen
Drinnen kriegst du nur die Gicht.

Brich aus – weg mit diesen Wänden
Deinen Hintern hebe auf
Sieh Forsythien leuchtend gelben.
Weiße Schwarzdornsternchen schweben…
Draußen blühst du selber auch.

Drüber ruht der blaue Himmel
Sanfte Böen mischen Luft
Zwei allein  – nicht im Gewimmel
Fühlend, hörend deine Stimme
Diesen Klang, des Frühlings Duft.

Siegbert Schwab 2020/03

Das war letztes im März – heute ist der 30. März 2021.

Kein Jahrgang wie im Jahr zuvor.

Kein Jahrgang ist so wie im Jahr zuvor.
Sagt man bei jedem guten Wein.
Kein Jahr vergeht so wie das Jahr davor,
Erkennen wir so oft im Nachhinein
Dies‘ Jahr ist ganz besonders anders.
Das Nächste zeigt sich nochmals neu.

Das Leben ändert sich
Man verändert auch sich selber.
Manchmal mehr, manchmal sehr.
Manches Mal auch nicht.

Die Gärung erst, sie bringt‘s an‘s Licht
Dunkle Beeren werden roter Wein.
Süße Trauben werden klarer Saft
Von welchem schenken sie dir ein?
Und welchen wirst du dir erlauben?
Und welchen magst du wirklich nicht?

Das Leben ändert sich
Was du machst entscheide selber.
Manchmal mehr manchmal kaum
Manches Mal auch nicht.

Die Flasche schützt den guten Wein.
Hält den Wein in sich gefangen,
Hält dicht und schließt ihn ein.
Bis wir dann nach ihm verlangen,
Den dichten Korken aus ihr ziehen
Und füllen Wein in uns‘re Gläser ein.

Gerade wenn sich’s Leben ändert
Suchen wir die guten Orte.
Manchmal mehr, manchmal sehr
Trinken dort den Wein.

Zusammen sein, bei einem Fest..
Werden dann gemeinsam trinken.
Wie Küken gut geschützt im Nest
In Süßer Stimmung ganz versinken.
Der Wein, er wird dann ausgetrunken.
Bis zum letzten Rest.

Vieles ändert sich im Leben
Achten aber stets darauf
Machmal mehr, manchmal sehr
Dass es geht bergauf

Am Berg die Trauben Stock an Stock
Wachsen an geraden Reben
Reifen durch das Laub geschützt
Sie werden wir drum pflegen
Sei dieser Berg auch noch so steil
Der Wein, er wächst doch dort!

Vieles ändert sich im Leben ,
Was uns zusammenbindet
Manchmal mehr, manchmal sehr;
Binden wir es fest.

Siegbert Schwab – 2020/12/20

Der Tod des Wolfs

Ein Versuch der Übertragung des epischen Gedichts von Alfred de Vigny (1797 – 1863), einem Schriftsteller der französischen Romantik und Zeitgenossen von Victor Hugo. De Vigny schrieb sein Gedicht in in der strengen Form von Alexandrinern.
Es wurde veröffentlicht in der Sammlung „Les destinées“, die seine schicksalsergebene, pessimistische und grundsätzlich kritische Haltung gegen Gesellschaft und Staat zum Ausdruck bringt. De Vigny stellt die Stoa als eine geistige Haltung heraus, die die Welt in ihrem Gesamtzusammenhang zu erkennen und anzuerkennen sucht und trotz der wahrnehmbaren „Weltverfallenheit“ eine Gleichwertigkeit aller Menschen und der Natur in der geistigen und ethischen-moralischen Haltung und Verantwortung des Einzelnen einfordert.

I.
Die Wolken wandern vor dem glühend roten Mond
Der schwarze Wald sich weitet bis zum Horizont
Wie aus dem Feuer ziehen Wolken weiß wie Rauch
Wir gingen, schweigend, über dichtes Heidekraut
Durch feuchte Gräser, unter nassen Zweigen,
An Tannen sich die Marken deutlich vor uns zeigen
Die Zeichen starker Krallen tief hineingekratzt
Von Rudel wilder Wölfe, denen folgt die Jagd
Da horchen wir nun auf und Schritte machen halt
Der Atem stockt wird still, über Wiese und dem Wald
Kein Hauch mehr in der Luft, der sie zum Beben bringt
Die Trauerfahne wogend, unterm Himmel schwingt
Es weht der Wind da oben, treibt die Wolken über Land
Zu Spitzen hoher Türme er kaum hinab gelangt
An Felsenwänden Eichen lehnen leicht geneigt
Wie auf den Ellenbogen schlafend sich gebeugt
Kein Laut durchbrich die Stille; als man die Köpfe senkt
Des alten Jägers Blicke suchend zum Boden sind gelenkt
Den weichen Sand betrachtend, sieht die Stelle dort
Wo keiner drückte bisher Spuren in den Ort
Die Marken nun sich zeigen -, deutlich klar uns allen –
Die Spuren ihres Zuges, Tritte mächt‘ger Krallen…
Von zweien großer Wölfe – zwei der Welpen mit dabei.
II.
(…) Wir gehen Schritt um Schritt und biegen Äste weg.
Und plötzlich dort im Dunklen hell das Augenpaar
Zwei vage Schemen werd‘ ich noch gewahr
Und unterm Mond sie tanzen mitten auf der Heide
Sie tun wie junge Hunde voll von heller Freude
Wenn‘s Herrchen heimkommt – sie begrüßen ihn dann froh
Ihr Tanz war fast der selbe, und das Ausseh‘n ebenso
Des Wolfes Kinder spielten – lautlos ohn‘ Geschrei –
Wohl wissend halb nur schlafend, Schritte neben bei
Der Mensch in seinem Mauern, drohend als ihr Feind
Der Wolf am großen Baum er wachend steht
Die Wölfin ruhend marmorgleich in Rom verehrt
Als Mutter Kinder nährend an behaarten Flanken
Wo Remus dort und Romulus an Zitzen tranken
Der Wolf erkennt und stellt sich aufrecht vor uns hin
Die Krallen fest und tief in Sand gegraben sind
Er sieht sich nun verloren, wurde überrascht
Kein Rückzug keine Wege sind mehr frei gemacht
Dann packt sein brennend Maul, die scharfen Zähne
Den ersten Hund und schlitzt ihm auf die Kehle
Die Kiefer lassen nicht mehr locker, halten fest
Und trotz der Schüsse in sein Fleisch und tief verletzt
(…) Der Hund starb lang vor ihm und rollt vor seine Füße.
Nun lässt der Wolf ihn liegen, richtet seinen Blick
Auf vorgehalt’ne Messer hebend sich zum Stich ,
(..) Noch einmal schaut er auf dann fällt zurück sein Kopf
Er leckt sein rotes Blut, das aus dem Maul ihm tropft
Und ohne zu ergründen, wie’s gekommen sei
Erlischt sein Blick und stirbt er ohne einen Schrei
III.
Gestüzt auf mein Gewehr, das ohne Pulver ist
Gedanken muss ich fassen – in mir’s heftig frisst –
Bei uns‘rer Jagd im Wald nach diesen wilden Tieren
Erfasst mich der Gedanke, konnt‘ ihn nicht verlieren:
Die schöne, dunkle Witwe, seine beiden Jungen
Sie haben ihm die große Prüfung aufgezwungen
Es war doch seine Bürde diesen Kampf zu wagen?
Damit sie später lernten Hunger zu ertragen
Anstelle in den Dörfen, Teil des Pakts zu werden
Für Menschen unterwürfig schützend deren Herden
Der Menschen Gut bewachen, dort für sie zu jagen
Wo einstmals ihr Besitz doch Wald und Felsen waren
(…) Ach Weh! Die Überheblichkeit des Menschen
Beschämt erkenn ich unsres Wissens trübe Grenzen
Wie können wir das Leben, seine Übel leugnen
Denn Ihr die schönen Tiere seid doch dessen Zeugen!
Vergaßen dass wir kamen aus der Erde Schoß
Die Stille nur ist groß, der Rest ist Schwäche bloß
Ich habe dich verstanden, freies wildes Tier
Denn deine letzten Blicke trafen‘s Herz bei mir!
Sie deutlich sagten: „Willst du deine Seele zeigen
So sollen Eifer, Neugier und Gedanken bleiben
In hohem Maß erhalte stoisch deinen Stolz…
Im Wald und frei geboren kerbt man dir ins Holz
Das Jammern, weinen, beten ist kaum mehr als feig.
Was Du erkannt als deine Pflicht, energisch sei verfolgt
Ereilt dich dann dein Schicksal, dass der Tod dich holt,
So mache wie ich’s tat und leide, stirb und schweig.

Alfred de VIGNY – Übertragung Siegbert Schwab 2021/03

Der Wein ist nicht gleich kalt


„Wir gehen zwei‐ bis dreimal in der Woche in die Besenwirtschaft“, erzählt Albert. Seine Luise nickt heftig und ergänzt: „Das reicht uns für die ganze Woche und ich muss nicht kochen“.
Wilhelm, der seinen Opel neben dem Mercedes des Rentnerehepaars geparkt hat, hört interessiert zu, während Luise ihre große schwarze Lederhandtasche mit den Messingbeschlägen auf die Rückbank des Turbodiesels stellt.

Alle drei haben es dieses Mal nicht besonders eilig. Wilhelm steckt sich eine Zigarette an und wird von Luise missbilligend daran erinnert, dass das Rauchen ja so ungesund sei. Wilhelm ignoriert die Bemerkung Luises wie gewohnt und fragt durch die Rauchwölkchen: „Drei Mal die Woche? Und das reicht? Esst ihr an den anderen Tagen nichts?“
„Doch schon. Mein Albert soll ja nicht vom Fleisch fallen. Und ich esse doch auch sehr gerne.“ Hier ergänzt Albert: “Luise hat doch immer ihre Handtasche mit den Tupperschüsselchen dabei.“
Wilhelm kennt Luise nicht ohne ihre schwarze ausgebeulte Handtasche, die immer an ihrem Arm hängt. Nun wirft er einen Blick in den Mercedes auf die sichtbar volle Tasche. „Da geht ja sicher ordentlich was rein.“
Luise nickt und schränkt ein: “Es ist ja alles teurer geworden. Dennoch wir leisten uns einfach die Besenmahlzeiten. Das Essen bei den Winzern schmeckt uns beiden. Einen guten Wein gibt es auch dazu. Da kann man nichts sagen!“
Albert wirft sofort ein: “Das darfst du aber nicht so laut sagen. Man kennt das ja ‐ nicht geschimpft ist so gut wie gelobt. Und wenn die Besenwirte noch gelobt werden, dann erhöhen sie vielleicht noch die Preise für die Schlachtplatte, und das Salzfleisch.“
„Ich esse ja gerne ein Schnitzel mit Kartoffelsalat. Und in die Käsespätzle könnte ich mich reinsetzen.“
Wilhelm stellt sich dabei vor, wie groß die Portion sein müsste, damit Luises Hinterteil nicht alles verdeckt. Andererseits läuft ihm vor Appetit schon das Wasser im zusammen und er überlegt, was er nachher im Besen bestellen könnte.
„Also keinesfalls loben. Sonst werden die Besenwirte noch übermütig“, rät Albert. „Luise trinkt gerne einen Grauburgunder zum Essen. Ich bin ja eher Riesling‐Trinker – fruchtig‐trocken und vielleicht sogar als Spätlese… Manchmal reicht aber auch der Hauswein.“
„Schließlich muss man ja auch auf das Geld achten“, ergänzt Luise. „Heute habe ich mir aber den Grauburgunder bestellt und Albert seinen Riesling. Dabei betont Albert immer, ‚Aber die obere Hälfte des Glases auch voll machen‘ und lacht den Besenwirt dabei an. Der stellt dann kurz darauf die randvollen Gläser vorsichtig vor uns auf dem Tisch ab.“ So Luises Bericht.
Und Albert setzt ihn fort „Dann muss ich bei beiden Gläsern erst mal abtrinken. Dabei sage ich zum Besenwirt ‐ er schreibt noch unsere Essenbestellung auf: ‚Der Wein ist aber nicht gleich kalt‘.
Der Wirt sieht mich irritiert an: ‚Und…?“ Stolz erzählt Albert, dass er dann immer darauf hinweise, dass man schon etwas an Qualität erwarten könne und das zeige sich schon darin, dass der Wein die gleiche Temperatur habe. Aber er sei da ja nicht so kleinlich. In der Besenwirtschaft könne er das akzeptieren.

In der Besenwirtschaft wurde nach gegebener Zeit die Schlachtplatte mit Sauerkraut für Albert und das Schnitzel mit Kartoffelsalat und eine zusätzliche Portion Käsespätzle für Luise auf den Tisch gestellt. Für beide war klar: Das schafften sie nicht auf einmal. Deshalb zog Luise die ersten zwei Tupperschüsselchen aus ihrer Handtasche und verstaute in der einen Käsespätzle und in der anderen Sauerkraut.
Da nun die Teller leer waren, orderten sie den üblichen Nachschlag. „Wird gemacht!“ bestätigte großzügig der Besenwirt. Dabei griff Luise wieder in ihre Handtasche und drückte dem Wirt zwei Tupperschüsselchen in die Hand: „Das können sie gleich einpacken!“

Wilhelm stellt mit einem schelmischen Lachen fest: „Ihr seid ja richtige Schlitzohren. Das trau ich mich ja nicht. Ich möchte es mir mit den Besenwirten nicht verderben.“
„Ach was“, beruhigt Luise, „Das nächste Mal gehen wir diese Woche zu einem anderen. Und überhaupt sind die auf uns als Gäste angewiesen. So genussfreudige Senioren sind bekanntlich eine umworbene Kundschaft…“

„Bezahlt werden muss schließlich doch.“ Albert denkt dabei an sein Portemonaie in der hinteren Hosentasche. Bei der Rechnung sage er immer „ganz allgemein“ in Anwesenheit des kassierenden Wirts: „Ach ja, die Zeiten sind lange vorbei, als man für 15 Mark zu zweit essen und trinken konnte“.
Er überlege dann, ob er nun 50 Cent, einen Euro oder gar kein Trinkgeld geben werde. Schließlich gebe es nicht immer eine hübsche Bedienung.

Luise hatte nochmal ihre Transporthandtasche aus dem Benz geholt und zeigt Wilhelm ein geschlossenes Tupperschüsselchen:“ Willst du mal riechen?“
„Nein danke, lass zu. Ich werde mir gleich was bestellen…“
Er verabschiedet sich und geht über den Parkplatz in Richtung des Eingangs zur Besenwirtschaft.
Albert rückt sich hinter dem Lenkrad des Benz zurecht. Luise schnallt sich auf dem Beifahrersitz umständlich an. Der Benz startet ohne vorzuglühen und rollt langsam über den Parkplatz. Luise hält stolz ihre Handtasche mit beiden Händen auf dem Schoß und an der Ausfahrt sagt sie zu Albert: „Rechts ist frei!“.

21/03

„Tut nichts! Er wird verbrannt“

Der mit Gewalt ein armes Christenkind
Dem Bunde seiner Tauf‘ entreißt! Denn ist
Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?
Zu sagen: ausgenommen, was die Kirch‘
An Kindern tut.

„Tut nichts! Er wird verbrannt“

Lessing hat in Dialog des Tempelritters mit dem um Rat gefragten christlichen Patriarchen, des letzteren Charakter des unerbittlichen Glaubenseiferers und des inhumanen Ideologen – verbunden mit unterwürfigen Opportunisten- und Intrigantentum – bestens dargestellt.

Aus G. E. Lessing: Nathan der Weise

(…) Patriarch. Und wieviel mehr dem Juden,
Der mit Gewalt ein armes Christenkind
Dem Bunde seiner Tauf‘ entreißt! Denn ist
Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?
Zu sagen: ausgenommen, was die Kirch‘
An Kindern tut.

Tempelherr. Wenn aber nun das Kind,
Erbarmte seiner sich der Jude nicht,
Vielleicht im Elend umgekommen wäre?

Patriarch.
Tut nichts! der Jude wird verbrannt! Denn besser,
Es wäre hier im Elend umgekommen,
Als daß zu seinem ewigen Verderben
Es so gerettet ward. Zudem, was hat
Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott
Kann, wen er retten will, schon ohn‘ ihn retten.

Tempelherr.
Auch trotz ihm, sollt‘ ich meinen, selig machen.

Patriarch.
Tut nichts! der Jude wird verbrannt.

Tempelherr. Das geht Mir nah‘!
Besonders, da man sagt, er habe
Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als
Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,
Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger
Gelehrt, als der Vernunft genügt.

Patriarch.
Tut nichts! Der Jude wird verbrannt
Ja, wär‘ allein Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt
Zu werden! Was? ein Kind ohn‘ allen Glauben
Erwachsen lassen? Wie? die große Pflicht,
Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?
Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter,
Euch selbst …

Tempelherr.
Ehrwürd’ger Herr, das übrige,
Wenn Gott will, in der Beichte. (Will gehn.)

Patriarch. Was? mir nun
Nicht einmal Rede stehn? Den Bösewicht,
Den Juden mir nicht nennen? mir ihn nicht
Zur Stelle schaffen? O da weiß ich Rat!
Ich geh sogleich zum Sultan. Saladin,
Vermöge der Kapitulation,
Die er beschworen, muß uns, muß uns schützen;
Bei allen Rechten, allen Lehren schützen,
Die wir zu unsrer Allerheiligsten
Religion nur immer rechnen dürfen!
Gottlob! wir haben das Original.
Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir!
Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie
Gefährlich selber für den Staat es ist,
Nichts glauben! Alle bürgerliche Bande
Sind aufgelöset, sind zerrissen, wenn
Der Mensch nichts glauben darf. Hinweg! hinweg
Mit solchem Frevel! …

Tempelherr. Schade, daß ich nicht
Den trefflichen Sermon mit beßrer Muße
Genießen kann! Ich bin zum Saladin
Gerufen.

Patriarch. Ja? Nun so Nun freilich Dann

Tempelherr.
Ich will den Sultan vorbereiten, wenn
Es Eurer Hochehrwürden so gefällt.

Patriarch.
Oh, oh! Ich weiß, der Herr hat Gnade funden
Vor Saladin! Ich bitte meiner nur
Im Besten bei ihm eingedenk zu sein.
Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.
Was ich zuviel tu, tu ich ihm. Das wolle
Doch ja der Herr erwägen! Und nicht wahr,
Herr Ritter? das vorhin Erwähnte von
Dem Juden, war nur ein Problema? ist
Zu sagen

Tempelherr. Ein Problema. (Geht ab.)

Patriarch. (Dem ich tiefer
Doch auf den Grund zu kommen suchen muß.
Das wär‘ so wiederum ein Auftrag für
Den Bruder Bonafides.) Hier, mein Sohn!
(…)

Es ist kalt

Hass ist deines Herzens Winter.
Mitleid zeige, sei ganz unverzagt.
Behalte bei dein Siegerlächeln;
Aus dem Sturm der Regenbogen ragt.

Es ist kalt*

Der Winter hartes Pflaster weißt.
Die Zeit die Jugend nahm zur Beute.
Der Kuss in süße Hände beißt;
Der Hass verweht dir deine Freude.   

Schnee bedeckt den dunklen Graben.
Licht nur fahl darüber schimmert.
Schließ die Türe vor den Raben!
Schließ die Fenster vor dem Himmel!

Dein Herz, es bleibe weiter offen!
Dein Herz, es ist die heil‘ge Pforte.
Verdeckt auch Nebel uns die Sonne;
Hindurch gelangen Trostes Worte.

Das Glück bezweifelt, gift’ge Saat;
Menschen sich dem Neid ergeben.
Zweifeln tief an Priestern, Staat.
Glaub an tiefe Liebe – Leben!

Glaub an Liebe, immer ganz!
Liebe leuchtet aus der Ferne.
Liebe, wie im Feuertanz!
Liebe unterm Licht der Sterne!

Liebe und verzweifele nicht.
Deine Seele hält den Schatz.
Wo man tröstend Sätze spricht,
Alles findet seinem Platz.

Freundschaft ohne Langeweile,
Selbst mit dir im Frieden stehe,
Nachsicht für die andren teile,
Schwamm verwische alte Fehler.

Die Gedanken halte fest,
Lass nichts fallen. nichts zurück.
Brenn der Liebe helles Licht.
Lass erleuchten unser Glück.

Dem Dämon bittrer Feindschaft
Entbiete deine heitre Süße.
Die Gnade zieht aus dem die Kraft,
Was Hass dir warf vor deine Füße.

Hass ist deines Herzens Winter.
Mitleid zeige, sei ganz unverzagt.
Behalte bei dein Siegerlächeln;
Aus dem Sturm der Regenbogen ragt.

Bewahre immer deine Liebe.
Auch winters leuchtet jeder Stern.
Kein Gott entfernt ihn je vom Himmel;
Halte nichts von deiner Seele fern.

(20/11 Siegbert Schwab aus dem Französischen nach
Victor Hugo: Il fait froit)


(*) 3. Version – So ein Text entwickelt sich. Er springt einen an, lässt einen nicht mehr los. Man liest und findet sich rein. Entdeckt die „unrunden“ Stellen, feilt an Wörtern und Rhythmus; meint, dass könnte doch besser sein!

 

Alle Macht…

Lass die Menschen glauben, streiten, diskutieren. Sie werden selbst die Kritiker, Zweifler und Dissidenten identifizieren.

Der hat die Macht, wenn das Volk auch macht, was er möchte. Denn: Alle Macht geht vom Volke aus.

Mach die Menschen glauben, was du machst lindere ihre Not, es sichere ihre Existenz. Dann kannst du all dein Tun begründen – mit der Sorge um ihre Furcht und ihre Angst.

Lass die Menschen glauben, streiten, diskutieren. Sie werden selbst die Kritiker, Zweifler und Dissidenten identifizieren. Sich von ihnen distanzieren und sie an den Pranger stellen. Sie verteidigen nur ihren Glauben – an dich und deine Allmacht, deine Notwendigkeit und die  Unersetzlichkeit deines Handelns – angstgebunden.

Lass ihnen ihre privaten Räume. Zieh um sie vielleicht auch Zäune – nur zu ihrem Schutz! Sie werden zu Wächtern dieser Zäune – weil sie glauben, dass es ihnen nutzt!

Sage ihnen, was sie bedroht, halt sie in der Angst und Not. Lass sie ihr kleines Reich schon selbst beschützen. Dabei wirst du sie unterstützen – um dein eigenes Werk zu verrichten.

Denn alle Macht geht vom Volke aus. Im Kleinen wie im Großen.

Schwab 20/10