Der Tod des Wolfs

Ein Versuch der Übertragung des epischen Gedichts von Alfred de Vigny (1797 – 1863), einem Schriftsteller der französischen Romantik und Zeitgenossen von Victor Hugo. De Vigny schrieb sein Gedicht in in der strengen Form von Alexandrinern.
Es wurde veröffentlicht in der Sammlung „Les destinées“, die seine schicksalsergebene, pessimistische und grundsätzlich kritische Haltung gegen Gesellschaft und Staat zum Ausdruck bringt. De Vigny stellt die Stoa als eine geistige Haltung heraus, die die Welt in ihrem Gesamtzusammenhang zu erkennen und anzuerkennen sucht und trotz der wahrnehmbaren „Weltverfallenheit“ eine Gleichwertigkeit aller Menschen und der Natur in der geistigen und ethischen-moralischen Haltung und Verantwortung des Einzelnen einfordert.

I.
Die Wolken wandern vor dem glühend roten Mond
Der schwarze Wald sich weitet bis zum Horizont
Wie aus dem Feuer ziehen Wolken weiß wie Rauch
Wir gingen, schweigend, über dichtes Heidekraut
Durch feuchte Gräser, unter nassen Zweigen,
An Tannen sich die Marken deutlich vor uns zeigen
Die Zeichen starker Krallen tief hineingekratzt
Von Rudel wilder Wölfe, denen folgt die Jagd
Da horchen wir nun auf und Schritte machen halt
Der Atem stockt wird still, über Wiese und dem Wald
Kein Hauch mehr in der Luft, der sie zum Beben bringt
Die Trauerfahne wogend, unterm Himmel schwingt
Es weht der Wind da oben, treibt die Wolken über Land
Zu Spitzen hoher Türme er kaum hinab gelangt
An Felsenwänden Eichen lehnen leicht geneigt
Wie auf den Ellenbogen schlafend sich gebeugt
Kein Laut durchbrich die Stille; als man die Köpfe senkt
Des alten Jägers Blicke suchend zum Boden sind gelenkt
Den weichen Sand betrachtend, sieht die Stelle dort
Wo keiner drückte bisher Spuren in den Ort
Die Marken nun sich zeigen -, deutlich klar uns allen –
Die Spuren ihres Zuges, Tritte mächt‘ger Krallen…
Von zweien großer Wölfe – zwei der Welpen mit dabei.
II.
(…) Wir gehen Schritt um Schritt und biegen Äste weg.
Und plötzlich dort im Dunklen hell das Augenpaar
Zwei vage Schemen werd‘ ich noch gewahr
Und unterm Mond sie tanzen mitten auf der Heide
Sie tun wie junge Hunde voll von heller Freude
Wenn‘s Herrchen heimkommt – sie begrüßen ihn dann froh
Ihr Tanz war fast der selbe, und das Ausseh‘n ebenso
Des Wolfes Kinder spielten – lautlos ohn‘ Geschrei –
Wohl wissend halb nur schlafend, Schritte neben bei
Der Mensch in seinem Mauern, drohend als ihr Feind
Der Wolf am großen Baum er wachend steht
Die Wölfin ruhend marmorgleich in Rom verehrt
Als Mutter Kinder nährend an behaarten Flanken
Wo Remus dort und Romulus an Zitzen tranken
Der Wolf erkennt und stellt sich aufrecht vor uns hin
Die Krallen fest und tief in Sand gegraben sind
Er sieht sich nun verloren, wurde überrascht
Kein Rückzug keine Wege sind mehr frei gemacht
Dann packt sein brennend Maul, die scharfen Zähne
Den ersten Hund und schlitzt ihm auf die Kehle
Die Kiefer lassen nicht mehr locker, halten fest
Und trotz der Schüsse in sein Fleisch und tief verletzt
(…) Der Hund starb lang vor ihm und rollt vor seine Füße.
Nun lässt der Wolf ihn liegen, richtet seinen Blick
Auf vorgehalt’ne Messer hebend sich zum Stich ,
(..) Noch einmal schaut er auf dann fällt zurück sein Kopf
Er leckt sein rotes Blut, das aus dem Maul ihm tropft
Und ohne zu ergründen, wie’s gekommen sei
Erlischt sein Blick und stirbt er ohne einen Schrei
III.
Gestüzt auf mein Gewehr, das ohne Pulver ist
Gedanken muss ich fassen – in mir’s heftig frisst –
Bei uns‘rer Jagd im Wald nach diesen wilden Tieren
Erfasst mich der Gedanke, konnt‘ ihn nicht verlieren:
Die schöne, dunkle Witwe, seine beiden Jungen
Sie haben ihm die große Prüfung aufgezwungen
Es war doch seine Bürde diesen Kampf zu wagen?
Damit sie später lernten Hunger zu ertragen
Anstelle in den Dörfen, Teil des Pakts zu werden
Für Menschen unterwürfig schützend deren Herden
Der Menschen Gut bewachen, dort für sie zu jagen
Wo einstmals ihr Besitz doch Wald und Felsen waren
(…) Ach Weh! Die Überheblichkeit des Menschen
Beschämt erkenn ich unsres Wissens trübe Grenzen
Wie können wir das Leben, seine Übel leugnen
Denn Ihr die schönen Tiere seid doch dessen Zeugen!
Vergaßen dass wir kamen aus der Erde Schoß
Die Stille nur ist groß, der Rest ist Schwäche bloß
Ich habe dich verstanden, freies wildes Tier
Denn deine letzten Blicke trafen‘s Herz bei mir!
Sie deutlich sagten: „Willst du deine Seele zeigen
So sollen Eifer, Neugier und Gedanken bleiben
In hohem Maß erhalte stoisch deinen Stolz…
Im Wald und frei geboren kerbt man dir ins Holz
Das Jammern, weinen, beten ist kaum mehr als feig.
Was Du erkannt als deine Pflicht, energisch sei verfolgt
Ereilt dich dann dein Schicksal, dass der Tod dich holt,
So mache wie ich’s tat und leide, stirb und schweig.

Alfred de VIGNY – Übertragung Siegbert Schwab 2021/03

Autor: schwabsw

... das erfahrt ihr schon noch!

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