Der Wein ist nicht gleich kalt


„Wir gehen zwei‐ bis dreimal in der Woche in die Besenwirtschaft“, erzählt Albert. Seine Luise nickt heftig und ergänzt: „Das reicht uns für die ganze Woche und ich muss nicht kochen“.
Wilhelm, der seinen Opel neben dem Mercedes des Rentnerehepaars geparkt hat, hört interessiert zu, während Luise ihre große schwarze Lederhandtasche mit den Messingbeschlägen auf die Rückbank des Turbodiesels stellt.

Alle drei haben es dieses Mal nicht besonders eilig. Wilhelm steckt sich eine Zigarette an und wird von Luise missbilligend daran erinnert, dass das Rauchen ja so ungesund sei. Wilhelm ignoriert die Bemerkung Luises wie gewohnt und fragt durch die Rauchwölkchen: „Drei Mal die Woche? Und das reicht? Esst ihr an den anderen Tagen nichts?“
„Doch schon. Mein Albert soll ja nicht vom Fleisch fallen. Und ich esse doch auch sehr gerne.“ Hier ergänzt Albert: “Luise hat doch immer ihre Handtasche mit den Tupperschüsselchen dabei.“
Wilhelm kennt Luise nicht ohne ihre schwarze ausgebeulte Handtasche, die immer an ihrem Arm hängt. Nun wirft er einen Blick in den Mercedes auf die sichtbar volle Tasche. „Da geht ja sicher ordentlich was rein.“
Luise nickt und schränkt ein: “Es ist ja alles teurer geworden. Dennoch wir leisten uns einfach die Besenmahlzeiten. Das Essen bei den Winzern schmeckt uns beiden. Einen guten Wein gibt es auch dazu. Da kann man nichts sagen!“
Albert wirft sofort ein: “Das darfst du aber nicht so laut sagen. Man kennt das ja ‐ nicht geschimpft ist so gut wie gelobt. Und wenn die Besenwirte noch gelobt werden, dann erhöhen sie vielleicht noch die Preise für die Schlachtplatte, und das Salzfleisch.“
„Ich esse ja gerne ein Schnitzel mit Kartoffelsalat. Und in die Käsespätzle könnte ich mich reinsetzen.“
Wilhelm stellt sich dabei vor, wie groß die Portion sein müsste, damit Luises Hinterteil nicht alles verdeckt. Andererseits läuft ihm vor Appetit schon das Wasser im zusammen und er überlegt, was er nachher im Besen bestellen könnte.
„Also keinesfalls loben. Sonst werden die Besenwirte noch übermütig“, rät Albert. „Luise trinkt gerne einen Grauburgunder zum Essen. Ich bin ja eher Riesling‐Trinker – fruchtig‐trocken und vielleicht sogar als Spätlese… Manchmal reicht aber auch der Hauswein.“
„Schließlich muss man ja auch auf das Geld achten“, ergänzt Luise. „Heute habe ich mir aber den Grauburgunder bestellt und Albert seinen Riesling. Dabei betont Albert immer, ‚Aber die obere Hälfte des Glases auch voll machen‘ und lacht den Besenwirt dabei an. Der stellt dann kurz darauf die randvollen Gläser vorsichtig vor uns auf dem Tisch ab.“ So Luises Bericht.
Und Albert setzt ihn fort „Dann muss ich bei beiden Gläsern erst mal abtrinken. Dabei sage ich zum Besenwirt ‐ er schreibt noch unsere Essenbestellung auf: ‚Der Wein ist aber nicht gleich kalt‘.
Der Wirt sieht mich irritiert an: ‚Und…?“ Stolz erzählt Albert, dass er dann immer darauf hinweise, dass man schon etwas an Qualität erwarten könne und das zeige sich schon darin, dass der Wein die gleiche Temperatur habe. Aber er sei da ja nicht so kleinlich. In der Besenwirtschaft könne er das akzeptieren.

In der Besenwirtschaft wurde nach gegebener Zeit die Schlachtplatte mit Sauerkraut für Albert und das Schnitzel mit Kartoffelsalat und eine zusätzliche Portion Käsespätzle für Luise auf den Tisch gestellt. Für beide war klar: Das schafften sie nicht auf einmal. Deshalb zog Luise die ersten zwei Tupperschüsselchen aus ihrer Handtasche und verstaute in der einen Käsespätzle und in der anderen Sauerkraut.
Da nun die Teller leer waren, orderten sie den üblichen Nachschlag. „Wird gemacht!“ bestätigte großzügig der Besenwirt. Dabei griff Luise wieder in ihre Handtasche und drückte dem Wirt zwei Tupperschüsselchen in die Hand: „Das können sie gleich einpacken!“

Wilhelm stellt mit einem schelmischen Lachen fest: „Ihr seid ja richtige Schlitzohren. Das trau ich mich ja nicht. Ich möchte es mir mit den Besenwirten nicht verderben.“
„Ach was“, beruhigt Luise, „Das nächste Mal gehen wir diese Woche zu einem anderen. Und überhaupt sind die auf uns als Gäste angewiesen. So genussfreudige Senioren sind bekanntlich eine umworbene Kundschaft…“

„Bezahlt werden muss schließlich doch.“ Albert denkt dabei an sein Portemonaie in der hinteren Hosentasche. Bei der Rechnung sage er immer „ganz allgemein“ in Anwesenheit des kassierenden Wirts: „Ach ja, die Zeiten sind lange vorbei, als man für 15 Mark zu zweit essen und trinken konnte“.
Er überlege dann, ob er nun 50 Cent, einen Euro oder gar kein Trinkgeld geben werde. Schließlich gebe es nicht immer eine hübsche Bedienung.

Luise hatte nochmal ihre Transporthandtasche aus dem Benz geholt und zeigt Wilhelm ein geschlossenes Tupperschüsselchen:“ Willst du mal riechen?“
„Nein danke, lass zu. Ich werde mir gleich was bestellen…“
Er verabschiedet sich und geht über den Parkplatz in Richtung des Eingangs zur Besenwirtschaft.
Albert rückt sich hinter dem Lenkrad des Benz zurecht. Luise schnallt sich auf dem Beifahrersitz umständlich an. Der Benz startet ohne vorzuglühen und rollt langsam über den Parkplatz. Luise hält stolz ihre Handtasche mit beiden Händen auf dem Schoß und an der Ausfahrt sagt sie zu Albert: „Rechts ist frei!“.

21/03

Autor: schwabsw

... das erfahrt ihr schon noch!

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