Die nackte Unwahrheit

Weissenbach Theater

80 Zuschauerinnen im „Maschinenhallen-Theater“ auf dem Gsöllhof bei den Weissenbacher Theatertagen. Die dritte Vorstellung von „Zwei Männer ganz nackt“ brachte wieder ein volles Haus. Auch wenn man im Theater immer mehr Frauen als Männer antrifft, überwogen die Frauen bei diesem Stück bei weitem.

Möchte wohl die eine oder andere die Frage beantwortet wissen, was zwei Männer ganz nackt machen und ob sie sich auch so auf die Bühne stellen. Die eine Frage sei zuerst beantwortet: Ja. Als Schurz diente bei beiden ein kleines Sofakissen, das die vordere Blöse alleine bedeckt. Ansonsten zeigten sich beide Männer unverhüllt im Rampenlicht.

Nun zum wesentlichen zweiten Frage. Wie findet man eine Erklärung für die Situation, dass man abends um acht Uhr nackt auf dem heimischen Sofa aufwacht und auf dem zweiten Sofa ein Angestellter im gleichen Kostüm liegt. Wie kann man seiner berufstätigen Ehefrau diese Situation erklären, wenn sie dazu noch ein Kondom auf dem Sofa findet? Weder der arrivierte Rechtsanwalt noch sein Angestellter können erklären, was sie in diese Lage brachte.

Schon nur einmal in dieser Situation sich wiederzufinden ist allen dreien zu viel. Wenn aber wenige Tage später dieselbe Situation sich noch einmal einstellt, dann erinnert das doch an das täglich schlafende Murmeltier.

Nichts wissend, viel erahnend und interpretierend. Das gilt für alle drei Personen. Wie sollen sie erklären, was sie sich nicht erklären können, wie sie in die Lage kamen? Oder geben sie einfach nichts zu?

Schwierig wird es für den Advokaten zu erklären, dass er sich nicht erklären kann, weil er sich selber nicht erklären kann, wie er in diese Situation gekommen ist. Weil er nicht mal weiß, was vorher war. Nicht mal der allwissende Terminkalender hilft wirklich bei der Rekonstruktion des Gedächtnisses. Dem nackten angestellten Steuerrechtsexperten geht es nicht besser.

Was macht der Mensch, wenn er sich nicht erklären kann, es aber sollte?
Er greift auf Erfahrungen, Bilder; Erlebnisse und Stereotypen zurück und hat dann sofort eine Erklärung für das „Offensichtliche“. Zwei nackte Männer auf dem Sofa und ein Präsernativ bedeutet, dass zwei Schwule miteinander geschlafen haben – ist doch klar! Oder sollte man versuchen, diese sich aufdrängende Erkenntnis durch eine erdachte Lügengeschichte umzudeuten?

Eine Lüge glaubhaft zu machen, wird schwierig und mitunter reichlich absurd und lächerlich. Dann wird es der Stoff für eine Komödie. Zumal die Partnerin noch bittet, sie niemals anzulügen. Sie könne jeden Seitensprung verzeihen, eine Lüge jedoch nicht. Was bleibt dem Advokaten in solchem Geflecht anderes als eine vorläufige und verwirrte Zustimmung.
Und die Frage stellt sich in ihm selber: Gibt es wirklich einen Seitensprung? Vielleicht auch mit einer Person (männlich oder weiblich), die wie ein Geist aus dem Terminkalender auftaucht? Alles Nachdenken und jegliche Recherche führt ins Nichts.
Könnte wenigstens ein Call-Girl (Julia Fassbender) in der Rolle der tauben Geliebten, den „Beweis“ für seine Heterosexualität erbringen? Auch diese Inszenierung für die Ehefrau arrangiert, erzeugt mehr Unglaubwürdigkeit als Klärung.

Jeder Versuch, sich selbst und sich gegenüber anderen zu versichern, jeder Versuch der Klärung wird zur Dekonstruktion des Selbst und der Bedingungen, die geordnet schienen und stellt nur neue Fragen in den Raum.

Was bleibt? – Keine Auflösung, kein Klärung, viele Vermutungen und Unklarheiten. Vielleicht kann man aber ein Geschäft daraus machen und erpresserisch seine Geschäftsanteil zu überhöhtem Preis an den angreifbaren Chef verkaufen? Was der tumbe, aber bauernschlaue Steuerrechtsexperte und Angestellte schnell erkennt. Oder man folgt der Aufforderung der verständnisvollen und verzeihenden Ehefrau, die unseren Advokaten auffordert, ihr ins Bett zu folgen. Darüber sollte er nun nicht allzu lange nachdenken… so scheint es!

Eine überzeugende Inszenierung der deutschen Fassung von Sebastien Thierys „Deux hommes tout nus“ durch Peter Fasshuber. Überzeugend auch in der Rolle des Rechtsanwalts Kramer. Christian Krall vermittelte den einfachen und auch „durchgeknallten“ Steuerrechtsexperten ebenfalls überzeugend. In der „Nebenrolle“ des Callgirls lässt uns Julia Fasshuber in Gestik und Mimik alle Gefühle durchleben. Und Ninja Reichert als Ehefrau mit offenbarte hohe Präsenz und nuanciertes Spiel.

Ein tolles Stück Theater mit einer tollen Truppe, die den fleißig und frenetisch gespendeten Beifall verdient hat.

19/08 Siegbert Schwab

Autor: schwabsw

... das erfahrt ihr schon noch!

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