„Das Kind wollte doch nur malen“

Der Regionalexpress ist voll. Kaum noch Sitzplätze. Einige Reisende stehen schon mit ihren Koffern im Gang, während immer noch ein paar Plätze von Menschen mit ihrem Gepäck „doppelt belegt“ werden. „Sitznachbar unerwünscht“, ist die Botschaft, die den zusteigenden Platzsuchern signalisiert wird. Eine Mutter mit drei Kindern sitzt an einem Viererplatz mit Tisch. Eine Junge und ein Mädchen spielen oder „arbeiten“ unter Anleitung der Mutter. Das zweite Mädchen hat es sich auf den Plätzen dahinter bequem gemacht und malt lang ausgestreckt auf beiden Plätzen in ein Heft. „Ist es nicht schön, wie sie da malt?“, bemerkt der Mann dahinter zu seiner Sitznachbarin. Ein Paar mit Koffern und Rucksäcken quält sich durch den Gang auf der Suche nach einem Platz. Vor der Mutter und den Kindern kommt es zum Stehen. Die Frau fragt die Mutter: „Dürfen wir uns auf die Plätze hinter Ihnen setzen? Könnte das Kind sich an den freien Platz an ihrem Tisch setzen?“ – „Ungern, Clara malt gerade so schön.“ – „Könnte sie nicht an ihrem Tisch weiter malen. Der Zug ist ganz schön voll.“ – „Eigentlich schon, – aber Clara ist gerade so schön beschäftigt.“

Clara hat inzwischen aufgehört zu malen und verfolgt interessiert das Gespräch, indem es um sie geht. Sie ist noch nicht davon überzeugt, den Platz wechseln zu müssen. Doch dann räumt sie zögerlich den Platz als die Mutter sie mit unwilliger Geste zu sich bittet. Clara setzt sich an den Tisch zu ihren Geschwistern gegenüber ihrer Mutter und legt ihr Malbuch und die Stifte vor sich auf den Tisch.

„Sie könnten sich doch wenigsten bei mir und Clara bedanken“, ist nun die Aufforderung der Mutter an das Paar, das damit beschäftigt ist Koffer, Rucksäcke und Taschen zu verstauen. „Sie können sich wenigstens bei uns bedanken“, kommt die erneute Aufforderung der Mutter an das Paar. Das Paar entscheidet sich, dieser Aufforderung nicht nachzukommen.

„Sicher hätte es nichts gekostet, danke zu sagen. Aber wofür eigentlich?“ fragen und diskutieren der Mann und die Frau, nachdem sie ihr Gepäck verstaut und ihre Plätze eingenommen haben. Haben sie doch auch eine Fahrkarte gekauft. Also warum auf einen Platz verzichten, wenn es doch offensichtlich noch welche gibt? Und dann noch Danke sagen, als quasi Bezahlung für eine Art Höflichkeit, die doch eher als herablassende Großzügigkeit daherkommt. Und was ist das für eine Haltung. Die Plätze um sich herum und neben sich werden belegt und durch Gepäck „abgesichert“, während andere Mitreisende schon im Gang stehen. Diese müssen nun als Bittsteller an die „Doppelplatzinhaber“ herantreten, die dann mürrisch oder gnädig auf ihren Zweitplatz verzichten, weil sie sich in ihrer Bequemlichkeit eingeschränkt sehen. Kann jemand, der sich auf ein Mindestmaß an Solidarität mit seinen Mitreisenden befleißigt und einen nicht besetzten Platz frei gibt, dafür wirklich Dank erwarten?

Doch nicht genug. Der Mann hinter dem Ehepaar „will auch noch mal was sagen“. Er findet es „unmöglich“, dass das Paar das Kind von seinem Platz „verjagt“ habe. Von seinem Sitzplatz aus wird er zum Verteidiger der kreativen Kinderseele und aller sorgenden Mütter. „Das Kind hat so schön gemalt und nun muss es wieder da vorne bei seiner Mutter und den anderen sitzen.“ Es habe heute eben keiner mehr Verständnis für die Mütter mit ihren Kindern. Bei diesen Worten blickt die kleine Clara von ihrem Platz aus um die Lehne hinter sich, um zu hören, was denn die Erwachsenen über sie reden: Skeptisch und misstrauisch zum Paar auf ihren vormaligen Plätzen und erleichtert zum verständnisvollen Herrn. Werden die nun weiter über sie miteinander reden? Kaum. Denn der Herr bezeichnet sich als „Anziehungspunkt von Idioten“. Damit macht er auch deutlich, was er vom Paar vor sich hält. Und er werde weiterhin seine Meinung sagen und es sei ihm egal, was andere davon halten… Wieso also weiter miteinander sprechen? Alles ist gesagt. Nichts ist geklärt.

Allgemeine Missstimmung im Waggon. Die unbeteiligten Zuschauer und Zuhörer sind peinlich berührt und schweigen still. Die Mutter hat nun wieder alle drei Kinder um sich herum und gibt strenge Anweisungen an ihre Kinder, ohne dem Paar noch einen Blick zu würdigen. Der verständnisvolle Herr moquiert sich weiter gegenüber seiner Platznachbarin über die das Unverständnis der Gesellschaft gegenüber Kindern und Müttern. Und zwischen dem Paar kommt es fast zur Auseinandersetzung darüber, ob er auch konsequent genug ihre Haltung gegenüber der Mutter unterstützt habe.

Die Frage sei gestellt, wo dann der jeweilige Ärger und die Unzufriedenheit aus dem vollen Regionalexpress bei nächster Gelegenheit wirklich eingelöst wird oder zum Ausbruch kommt? Vielleicht durch einen unvermittelten Wutausbruch in einer Situation, die den anderen völlig harmlos erscheint, oder als „Erzählung“ eingeleitet mit dem Satz „Jetzt stell dir einmal vor, das ist ja unmöglich… dabei wollte das Kind doch nur malen…“

Swa 19/04

 

 

Autor: schwabsw

... das erfahrt ihr schon noch!

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